Homöopathische Behandlung chronisch rezidivierender Harnwegsinfekte

Ausschnitte aus meinem Vortrag bei einer internationalen Konferenz: Medical traditions in east and west Oktober 2002

Wegen der hohen Rezidivrate akuter Harnwegsinfekte (HWI) – vor allem bei Frauen – ist die Behandlung der chronisch rezidivierenden HWI ein großes Thema in den urologischen Praxen, ein ebenso großes Thema in meiner eigenen homöopathischen Praxis.

Ich stelle eine Fallbeobachtung von 46 Patienten – 44 Frauen und 2 Männer – mit chronisch rezidivierenden HWI vor, die ich in den letzten 6 Jahren erfolgreich homöopathisch behandelt habe. Alle weiblichen Patienten hatten in den letzten 2 Jahren mindestens 4, zumeist aber 10 oder mehr HWI durchgemacht, die beiden männlichen Patienten jeweils nur 2 HWI.Die Behandlung in der Vorgeschichte erfolgte konventionell mit Antibiotika, alle Patienten waren klinisch durchuntersucht, es fanden sich keine organisch pathologischen Veränderungen.

 

Von diesen 46 Patienten kamen 34 im beschwerdefreien Intervall zur homöopathischen Behandlung. Sie erhofften sich Hilfe von dieser Methode, was auch größtenteils gelang. In nur 2 Fällen verfehlte ich das Mittel, bzw. gelang es nicht, weitere HWI zu verhindern. 12 Patienten suchten mich mit den Beschwerden eines akuten HWI bei bestehender Rezidivneigung auf. In allen 12 Fällen gelang die Heilung des akuten Geschehens mit homöopathischen Arzneien.

Für diese 12 Patienten versuchte ich in weiterer Folge ein homöopathisches Mittel für ihre chronischen Beschwerden zu finden, um weiteren HWI vorzubeugen. In nur 2 Fällen kam jeweils noch ein HWI nach.

Behandlungserfolg:

Von 46 Patienten mit chronisch rezidivierenden HWI gelang es, 42 Patienten, das sind knappe 80% auf Anhieb zu heilen, in ca. 10% war eine Folgearznei notwendig, aber dann blieben auch diese Patienten beschwerdefrei. Insgesamt wurden 44 Patienten, das sind über 95 % mit homöopathischen Arzneien geheilt, bei 2 Patienten konnte keine Änderung der Rezidivneigung erreicht werden.

Nachbeobachtungszeit:

Die Zufriedenheit der Patienten mit der Methode führte dazu, dass die Nachbeobachtungszeit in fast allen Fällen bis zu 6 Jahren beträgt. Wie geht das? Die Patienten suchen mich entweder mit anderen Beschwerden gelegentlich weiterhin auf oder kommen mit Partnern und/oder Kindern in meine Praxis. Sie empfehlen Freunde und Bekannte, schicken aber immer Grüße mit und die Botschaft, dass es ihnen gut gehe. Nur von 5 Patienten habe ich keine Rückmeldung, da kann ich über den weiteren Verlauf nichts sagen.

 

Wie behandeln wir Homöopathen einen akuten HWI und –  wie lösen wir das Problem der Rezidivneigung mit der homöopathischen Methode?

 Die Homöopathie ist eine Therapieform, die eine einzige Arznei für die Behandlung dieses einen Menschen wählt – sie ist eine individuelle Methode. Wir versuchen, ein einziges Mittel für alle Beschwerden des Patienten zu finden, für alle Beschwerden, die eben dieser eine Mensch als seine Krankheit präsentiert. Es ist eine einzige Arznei, die die Beschwerden auf allen drei Ebenen: Körper, Seele und Geist zu heilen vermag, so es sich um eine heilbare Krankheit handelt.

 

Homöopathische Behandlung eines akuten HWI

 Die Pathologie des Harnbefundes findet gemeinsam mit den vom Patienten geäußerten Beschwerden Eingang in die homöopathische Arzneimittelfindung. Wir halten nach den auffallenden, sonderlichen und ungewöhnlichen Zeichen und Symptomen des Patienten Ausschau. Jeder Mensch mit einer akuten Blasenentzündung erlebt Empfindungen, Schmerzen und Modalitäten anders als andere mit der gleichen Diagnose. Es ist für die Mittelfindung unbedingt notwendig, dass der Patient die Art und die Empfindung der Schmerzen genauestens angeben kann – es brennt, es drückt, es krampft in der Blase – vor, während oder nach dem Urinieren? Haben Sie Blut im Harn bemerkt, war Blut am Papier……… Je besser die Patienten ihre Beschwerden, bzw. die Veränderungen zum gesunden Zustand  beschreiben können, umso leichter wird es sein, das entsprechende Mittel für sie zu finden.

Alle akuten Beschwerden des Patienten, die klinischen Zeichen und meine Beobachtungen ergeben am Ende der ganzheitlichen homöopathischen Anamnese eine einzige Arznei. Die gewählte Arznei wird in einer dem Energiezustand des Patienten angepassten Potenz verordnet. Am nächsten Tag bestelle ich den Patienten in die Praxis und da muss bereits klar sein, wie gut das Mittel gewirkt hat. Der Patient wird nach seinen Beschwerden gefragt, der Harn kontrolliert, die Arznei im gegebenen Fall wiederholt oder gewechselt und der Patient wiederum für den nächsten Tag bestellt.

In den allermeisten Fällen gelingt es mit der homöopathischen Methode, einen unkomplizierten, akuten HWI in 3 Tagen auszuheilen. Ein negativer Uricult (negative Bakterienkultur) rundet das klinische Bild ab.

In den letzten 6 Jahren habe ich zusätzlich zu den oben genannten Patienten 18 Patientinnen wegen eines erstmalig aufgetretenen, akuten HWI ohne bekannte Rezidivneigung homöopathisch behandelt. Bei keiner einzigen Patientin ist seither ein Rezidiv aufgetreten  – das bedeutet für die Praxis, dass es mit der homöopathischen Methode sehr gut gelingt, Rezidive zu verhüten!

Von den anfangs genannten 46 Patienten mit chronisch rezidivierenden HWI sind ja die meisten im beschwerdefreien Intervall  zur Behandlung gekommen. Wie bei jeder anderen chronischen Krankheit machen wir eine ausführliche Anamnese mit den Patienten, bzw. bei Kindern zusätzlich mit den nahen Angehörigen.

Der Patient kommt mit einer medizinischen Diagnose und klinischen Befunden in meine Praxis. Ich behandle weder die klinische Diagnose an sich, noch die mir vorliegenden Befunde – ich behandle den kranken Menschen in seinem individuellen Kranksein. In den meisten Fällen einer chronischen Erkrankung erzählt mir der Patient im Anschluss an seine Beschwerden seine Lebensgeschichte – es ist dies seine Leidensgeschichte, eingebettet in sein persönliches Schicksal. Wir wählen eine Arznei für das gesamte Erscheinungsbild dieses Menschen und seiner Krankheit.

Auffällig bei dieser Fallbeobachtung meiner Praxis war es, dass bei allen Patientinnen im Alter von über 15 Jahren – das waren 35 der 44 Frauen – immer Konflikte in der Partnerschaft am Beginn ihres länger dauernden Leidens standen.

Das Organbild Niere repräsentiert von der psychosomatischen Betrachtungsweise her den Partnerschaftsbereich. Partnerschaft in diesem Zusammenhang meint die mitmenschliche Ebene, nicht unbedingt die Sexualität. In meinen Krankengeschichten geht es häufig um die

Trennung von der Mutter, von einem Partner oder von einem lieben Verstorbenen. Statistisch gesehen erkranken Männer in diesen genannten Situationen häufiger an Nierensteinen, Frauen an Entzündungen der Blase, im schlechtesten Fall an häufig rezidivierenden HWI.

Bei der homöopathischen Behandlung meiner Patienten mit chronisch rezivierenden HWI wurden einige wenige Arzneien öfter verordnet.

An erster Stelle steht Sepia, als Arznei die Tinte des Tintenfisches, gefolgt von Phosphor, Natrium chloratum – Kochsalz, Sulfur – Schwefel, Causticum – Ätzkalk, Pulsatilla – Kuhschelle, Lycopodium – Bärlapp und Calcium carbonicum. Weitere 8 Arzneien wurden jeweils nur 1x gegeben.

Allein die Beachtung der Lokalsymptome des Patienten führt bei der homöopathischen Therapie einer chronischen Krankheit nicht zum Ziel – denn, wie bereits angeführt – im Mittelpunkt steht der kranke Mensch und alle seine Beschwerden. Drei Beispiele sollen Ihnen die Vorgangsweise näher erläutern:

Sepia ist eine Arznei, die einen deutlichen Bezug zum Urogenitalsystem aufweist. Sie wird in der Regel häufiger für Frauen als für Männer verordnet.

Von den Lokalsymptomen bei Sepia ist ein häufiger Harndrang und eine früh einsetzende Harninkontinenz auch schon bei jüngeren Frauen zu erwähnen. Es brennt und krampft in der Blase mit dem Gefühl, ein paar Tropfen Urin unwillkürlich zu verlieren. Sehr oft findet sich eine Hämaturie (Blut im Harn), der Harn ist trüb und riecht sehr unangenehm.

Patientinnen, die Sepia für ihre Beschwerden brauchen, sind pflicht-und verantwortungsbewußte kritische Menschen, die alles möglichst perfekt machen möchten. Sie sind meist gute Hausfrauen, liebevolle Mütter, Beamtinnen in höherer Position, drahtige Karrierefrauen, Sportlerinnen, Tänzerinnen……….Sie haben einen klaren Verstand und sind charakterisiert durch Fairneß und Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und persönliche Integrität. Sie suchen sich einen ruhigen, besonnenen und zuvorkommenden Mann als Partner. Sie sind empfindlich auf Kummer, Liebeskummer, Kränkung, Enttäuschung und Demütigung, vor allem auf der Ebene der Partnerschaft, aber auch im Berufsleben. Sie reagieren auf emotionalen Streß mit der Blase.

Phosphor

Die herausragendste Schmerzempfindung bei Patienten, die Phosphor brauchen, ist das Brennen. Es brennt in der Harnröhre, es brennt in der Blase, öfters beim Urinieren, aber es geht sehr wenig Harn ab.

Die psychosomatische Entsprechung von Brennen beim Harnlassen ist das schmerzhafte Loslassen und der häufige Harndrang bei nur geringen Mengen Harn spricht für die Unfähigkeit, loszulassen. In der Tat leidet Phosphor unter vielen Ängsten – Angst allein, Angst im Dunkeln, Angst um andere, um geliebte Personen………..

Die bei Phosphor charakteristische Blutungsneigung macht sich in einer deutlichen Hämaturie mit viel hellem Blut bemerkbar.

Wie erkennt man Patienten, die für ihre chronisch rezidivierenden HWI Phosphor brauchen?

Es sind meist schlanke, zarte, auf jeden Fall aber zart besaitete, mitfühlende, zuallermeist kommunikative Menschen. Sie brauchen viel Zuneigung und zeigen sie auch. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Gesellschaft und sind nicht gern allein.

Empfindsame Phosphorpatienten leiden wie Sepia unter der Grobheit anderer, unter Kummer, Enttäuschung, enttäuschter Liebe. Hier wird geschäftlicher Misserfolg weniger oft zu einer Blasenentzündung führen als Kränkungen auf der partnerschaftlichen Ebene.

 

Natrium muriaticum – Kochsalz

 Lang anhaltender, tiefer, stiller Kummer – ein Kummer, der nicht gezeigt wird, verursacht die Beschwerden bei Natrium muriaticum. Hier heilt die Zeit keine Wunden. Diese Patientinnen brauchen kein Mitleid, keinen Trost, sie werden mit ihrer Situation allein fertig. Sie halten in gewisser Weise an ihrem Kummer fest – festhalten – konservieren mit Salz – haltbar machen…………

Patienten, die Nat.mur. für ihre Beschwerden brauchen, sind ernste, verschlossene, zurück – haltende –  rechtschaffene Leute. Sie sind sehr sensibel, aber sie haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle auszudrücken. Niemals vergessen sie erlittenes Unrecht.

Charakteristische Lokalsymptome bei Nat.mur. : Stiche in der Blase beim Urinieren, häufiger Harndrang mit Abgang von reichlich Harn, Brennen und Schneiden in der Harnröhre, besonders deutlich nach dem Harnlassen.

 Schlussbetrachtung :

Mit meinem Beitrag zum Thema chronisch rezidivierende HWI wollte ich Ihnen gerne zeigen, dass die homöopathische Heilmethode mit ihrer ganzheitlichen Sichtweise unter Beachtung des Systems dieser Methode durchaus auch einiges zu leisten vermag.

Dr. Gloria Kozel ist Allgemeinmedizinerin und Homöopathin in Graz.