Krankengeschichte zu Histaminintoleranz Publikation in der Documenta Homoeopathica 28 Jahrgang 2010

Herr O., 74 Jahre,  gelernter Maschinenschlosser, aufgestiegen zum Geschäftsleiter (bereits in Pension) einer großen Firma,  zeigt mir Mitte Juni 2008 heftig juckende Hautausschläge an der Innenseite der Arme, die seit einem halben Jahr bestehen, also seit Beginn des Jahres. Was könnte die Ursache sein?

Für Schmerzen in beiden Händen mit rheumatischer Schwellung der Fingergelenke hat der Patient seit Spätherbst des Jahres 2007 häufig ein nichtsteroidales Antirheumaticum (NSAR) – mit Magenschutz eingenommen. Vor ein paar Wochen sei eine Histaminintoleranz festgestellt worden – wenn Herr O. Rotwein und/oder Käse zu sich nimmt, wird aus den juckenden Hautausschlägen an den Armen eine Urticaria (Nesselausschlag) mit großen Quaddeln.

Mögliche Erklärung:

Die monatlich erscheinende med info der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse befasst sich im April 2009 mit dem Thema: Säurehemmer und Nahrungsmittelallergien. Die Gruppe der Magensäurehemmer (PPI) zählt zu den weltweit am häufigsten und siehe: nach allgemeiner Einschätzung zu den deutlich zu oft (!) verordneten Medikamenten; die med info zitiert eine entsprechende Arbeit mit Studienvergleichen im British Medical Journal vom Jänner 2008. Auch 3 Autorinnen der Med Uni Wien konnten in zahlreichen, international publizierten Arbeiten zeigen, dass routinemäßige Einnahme von Säureblockern nachweislich das Risiko steigert, an einer Nahrungsmittelallergie zu erkranken!

Erkrankungen aus der Vorgeschichte von Herrn O./Operationen:

1958 Tonsillektomie

2000 Appendektomie

2006 bds. Leistenhernienoperation

Implantate beider Hüftgelenke

Neigung zu Hämorrhoiden, früher hin und wieder Migräne. Seit 15 Jahren arterieller Hypertonus, KHK. Der Patient nimmt Blopress und TASS ein.

Herr O. isst gern Backhendel, Speck, Antipasti, Salat, Tomaten und Mozarella; Pikantes lieber als süß. Er berichtet über extrem kalte Füße, er erwärmt sie im Bett sehr schwer. Sein übriges Temperaturempfinden sei ausgeglichen. Er wacht öfters auf in der Nacht, schläft aber schnell wieder ein.

Der Patient beschreibt sich als „kommunikativ, ausgesprochen hilfsbereit, leicht aufbrausend. Ich bin ein Familienmensch, ein treuer Ehemann. Im Beruf war ich immer ehrgeizig.“ Auch heute noch ist Herr O. als Berater seiner früheren Firma tätig. Er vermittelt mir den Eindruck: ohne mich geht’s nicht. Wenn Herr O. mit den Enkelkindern spielt, hat er Mühe zu verbergen, dass ER sehr gerne gewinnen würde! Er ist sehr ordentlich, ärgert sich über Unpünktlichkeit und Unwahrheiten. Hobbys: Garten, wandern, lesen.

Gewählte Rubriken:

Gemüt/Ehrgeiz erhöht

Verlangen nach Gesellschaft

Heikel, pingelig

Zorn

Extremitäten/Hautausschläge/Arme/juckend

Kälte der Füße

Haut/Hautausschläge/Urticaria

Allgemeines/Speisen und Getränke/Fett Verlangen

Käse agg.

Wein agg.

 

Warum hat der Patient ein NSAR eingenommen?  Ich überdenke die Arzneien der Rubrik: Extremitäten/Schmerz/Gelenke/rheumatisch.

Da ich das NSAR, beziehungsweise nach oben erwähnten Ausführungen den PPI  als eventuellen individuellen Auslöser der Histaminintoleranz bei diesem Patienten vermute, schaue ich noch zusätzlich in die Rubrik:

Allgemeines/Medikamente/allopathische/überempfindlich gegen

Analyse:

Ich hatte mich entschlossen, die oben erwähnte Rubrik von der Medikamentenunverträglichkeit in die Repertorisation hinein zu nehmen, daher erscheinen erwartungsgemäß  Nux vomica und Sulfur an den ersten beiden Stellen. Sulfur ist nicht in der Rubrik der Käseunverträglichkeit vertreten und insgesamt macht mir der Patient einen frostigen Eindruck.

Pulsatilla liebt Käse und verträgt ihn auch, über Arsen denke ich lange nach, hat aber nicht den speziellen Hautausschlag an den Armen. Der Patient kommt mir auch gar nicht ängstlich vor.

Wegen gleichzeitiger Einnahme der Herz/Hochdruckmedikamente beginne ich vorsichtig mit einer Gabe Nux vomica (Brechnuß) D 30. Außerdem weisen nach meiner Erfahrung Patienten, die Nux vomica als Arznei benötigen, häufig auch eine Überempfindlichkeit gegen Hochpotenzen auf.

Verlauf:

Gleich nach der Einnahme treten Bauchschmerzen auf, für 2 Tage kein Stuhlgang. Wir warten ab. Der Patient probiert ein paar Tage später ein Glas Rotwein – Nux vomica im Talon – wieder Urticaria an den Armen,  der Patient nimmt sofort die Arznei wieder ein und – siehe da: der Hautausschlag verschwindet blitzartig.

Ich bestelle Herrn O. eine Woche nach Beginn der Behandlung in meine Praxis und gebe Nux vomica D 200 mit. Ende Juni, 14 Tage nach Beginn der Behandlung, berichtet der Patient von einer weiteren Attacke der Urticaria nach Exposition: er hat Käse gegessen und Rotwein getrunken. Die Hauterscheinungen haben sich nach Einnahme des Mittels in der D 200  sogleich beruhigt.

 

Kommentar:

Der Patient hat es sehr bald nach Einnahme der Arznei gewagt, etwas zu essen, was er vorher nicht vertragen hat. Anfang September 2008: der Patient kann alles essen, Nux vomica hat er nicht mehr gebraucht.

In Vorbereitung zu dieser Publikation schreibe ich Herrn O. Ende Juni 2009, wie es ihm geht. „Schreiben Sie nur ausführlich, wie gut es mir geht,“ sagt der Patient, „und machen Sie den jungen Kollegen  Mut – es gelingt mit der Homöopathie tatsächlich, die Histaminintoleranz zu besiegen – ich kann alles essen, habe die Arznei nie wieder gebraucht!“

Dr. Gloria Kozel ist Allgemeinmedizinerin und Homöopathin in Graz.