Homöopathie für den alten Menschen „ÄrzteWoche“ vom 15.November 2012

Eine immer älter werdende Gesellschaft wirft Probleme im sozialen, politischen, gesundheitspolitischen und therapeutischen Bereich auf.

Die WHO definiert Gesundheit nicht nur als Frei-sein von Krankheit, sondern auch als Zustand des völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Alt sein und Altwerden werden von den Menschen ganz unterschiedlich empfunden. Gesundsein im Alter ist ein eingeschränkter Begriff: es heißt, trotz kleinerer oder größerer Defizite ein erfülltes Leben zu genießen.

Uns homöopathischen Ärzten begegnet der alte Mensch in der Praxis mit einer Menge an Befunden und meist auch mit einer Liste an Medikamenten, die er zum Teil nicht verträgt, zum anderen nicht nehmen will. Schon vor zehn Jahren postulierten Neurologen, dass mehr als vier Medikamente im höheren Lebensalter unangenehme Interaktionen hervorrufen können.

Als Ärztinnen und Ärzte versuchen wir in bester Absicht, zu behandeln, Leben zu verlängern, Laborparameter zu verbessern. Was für unser Gegenüber jedoch mehr und mehr zählt, ist die Lebensqualität. So begleiten wir Patienten mit der homöopathischen Heilmethode nach entsprechender chirurgischer, strahlen- und/oder chemotherapeutischer Intervention bei Krebserkrankungen, wir lindern altersbedingte Wirbelsäulen- und Gelenksbeschwerden oder Durchblutungsstörungen, machen eine Altersdepression leichter, beeinflussen Blutdruckkrisen, heilen Schlafstörungen – die Homöopathie als regulative Medizin versteht sich auch bei Altersbeschwerden als komplementäre Methode. Wenn die gewählte Arznei genau passt, können mit der Zeit blutdrucksenkende Medikamente oder Psychopharmaka reduziert, Schmerz- oder Schlafmittel weggelassen werden.

Die Potenz der homöopathischen Arznei wird wie immer dem Energiezustand des Patienten angepasst. Bei alten Menschen verwenden wir je nach Ebene der Störung tiefe bis mittlere oder LM Potenzen.

Als homöopathische Ärzte nehmen wir jeden Menschen ernst, wir versuchen vorurteilslos, mitfühlend zuzuhören. Besonders alten Menschen ist mit Respekt und Achtung zu begegnen. Wir suchen entsprechend den Grundlagen der homöopathischen Heilmethode die individuelle Arznei für die Krankheit des Patienten – das Mittel für seine Erkrankung unter Miteinbeziehung seiner Persönlichkeit. In der homöopathischen Anamnese hören wir von Beschwerden, die in eine lange Lebensgeschichte eingebettet sind.

Beispiel 1:

Hans (Name geändert),seit 25 Jahren Typ II Diabetiker und heute 84 Jahre alt, ist für einen Mann klein, etwa 1,60 m, grau – nicht nur meist so gekleidet, sondern auch vom Teint – in der Art unauffällig, höflich, verlegen, schüchtern. Der Patient ist normalgewichtig, für sein Alter noch gut beweglich; er kommt immer mit Anzug und Krawatte in meine Praxis, im Winter hat er unter dem Sakko noch einen Pullover an. Es ist ihm leicht zu kalt.

Unauffällig für so einen alten Menschen – auch die Krankheiten des Patienten weisen keine Besonderheiten auf: seltene Ischiasattacken, 1x Schmerzen im Schulterbereich, zunehmende periphere Durchblutungsstörungen bei immer zufriedenstellend medikamentös eingestelltem Diabetes mellitus Typ II  – einfach unauffällig.

 

Im Mai 2003, Hans ist 77 Jahre alt, entstehen plötzlich tiefe Risse an den Fingerkuppen, dazwischen schilfert die Haut ab. Die Finger werden taub, eingesetzte durchblutungsfördernde Medikamente verändern nichts.

So entscheide ich mich im August 2003 für Barium carbonicum D 12 1x/Tag. Bis Oktober 2003 bleiben die Risse an den Fingerkuppen rechts gleichbleibend bestehen, die linke Hand wird besser – Barium carbonicum D 30 jeden 2.Tag. Im Dezember werden die Finger der rechten Hand wieder schlechter – eine Gabe Barium carbonicum D 200.

Im Jänner 2004 vereinbaren wir die Einnahme von Barium carbonicum D 200 1x/Monat und setzen die durchblutungsfördernden ganz Medikamente ab!  Im März – alles bestens.

Im Juni 2004 kein Taubheitsgefühl mehr, es ist nur mehr der linke Daumen „graupert“ –  so beschreibt der Patient die rissige und harte Haut des Daumens an der Fingerkuppe – Barium carbonicum M.  Um Stabilität zu erreichen – der linke Daumen ist zu, dafür ist der linke Zeigefinger aufgesprungen – verordne ich im Juli 2004 Barium carb.  LM 6 2x/Woche.

Die Therapie wird zwei Jahre – bis März 2006 beibehalten, dann wegen kleinerer Rückschläge bis Oktober 2007 auf LM 8 gesteigert. Zu diesem Zeitpunkt sind die Fingerkuppen gänzlich abgeheilt – es folgen zwei gute Jahre ohne homöopathische Therapie bis Juli 2009 die Blutzuckerwerte bleiben schön, das Blutbild ist unauffällig, HbA1C als Langzeitwert im grünen Bereich.

Im Juli 2009 wird vom Augenarzt eine Maculadegeneration festgestellt, die Fingerkuppen springen wieder auf – Barium carbonicum LM 8 jeden 2. Tag verflacht die Risse in relativ kurzer Zeit. Trotz starker Schulterschmerzen im Februar und Kniebeschwerden im Mai 2010 bleiben die Finger sehr schön. Keine weitere homöopathische Therapie.

Mit kleinen Interventionen ist es gelungen, die gefürchteten Spätfolgen eines Diabetes mellitus sieben Jahre lang hintanzuhalten. Hans blieb weitgehend gesund, seit 2010 ohne homöopathische Therapie.

Beispiel 2:

Franziska (Name geändert), 91 Jahre alt, kommt im April 2005, kurz nach Ostern in Begleitung ihrer Tochter in die Praxis. Nach einer massiven Kränkung durch ihren Sohn zu den Feiertagen ist unmittelbar nach dem Ereignis ein eigenartiger, nicht juckender Hautausschlag an beiden Unterschenkeln aufgetreten. Sie hat fast keinen Appetit, das Osterfleisch macht ihr Verdauungsbeschwerden.

 

Mit Hilfe von Natrium muriaticum in der Dosierung D 12 1x/Tag verordnet, blassen die betroffenen Areale innerhalb einer Woche ab. Diese Arznei sollte die Patientin weiterhin begleiten: entsprechend dem Arzneimittelbild ist sie das heilende Mittel  für eine hartnäckige Verstopfung, für rezidivierende Lumbalgien, für Stimmungsschwankungen.

Bei gelegentlichen leichten Verwirrtheitszuständen hilft Conium, bei Schwächezuständen  Carbo vegetabilis.

Franziska besuche ich mittlerweile zu Hause; der Weg in meine Praxis ist ihr schon zu beschwerlich. Sie freut sich immer über mein Kommen, erzählt mir von ihrem Alltag.

Sie nimmt außer den genannten homöopathischen Arzneien kein schulmedizinisches Medikament ein – so kann altern gelingen!

Zusammenfassung:

Was kann die Homöopathie zu einem guten Alter, zu einem gelungenen Leben beitragen?

Mit Sicherheit geht es um Lebensqualität: eine homöopathische Arznei erreicht dann eine Heilung der Beschwerden des älteren oder alten Menschen, wenn noch innere Ressourcen vorhanden sind.

Dr. Gloria Kozel ist Allgemeinmedizinerin und Homöopathin in Graz.