Homöopathische Behandlung der Multiplen Sklerose Auszug aus meinem Vortrag in der Ärztekammer für Steiermark, Juni 2014

Die Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste neurologische Erkrankung des jungen Erwachsenenalters. Weltweit leiden ca. 1,2 Millionen Menschen an MS, Frauen doppelt so häufig als Männer, in Österreich rechnet man mit rund 12.000 Erkrankten. Meist bricht die Erkrankung zwischen dem 20. und 40-igsten Lebensjahr aus, selten – in etwa 3% – im Kindes – und Jugendalter.

Es handelt sich bei der MS um eine durch T-Lymphozyten vermittelte Autoimmunerkrankung, bei der zusätzlich noch genetische und Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Die MS beginnt bei etwa 80% der Patienten schubförmig, häufige Frühsymptome sind Sensibilitäts- und Gangstörungen und eine einseitige Entzündung des Sehnervs.
Von einer günstigen Einschätzung des Krankheitsverlaufes bei dieser Form der MS kann gesprochen werden, wenn der Patient beim ersten Auftreten von Beschwerden unter 40 Jahre alt war, zu Beginn eine Sehnerventzündung vorgelegen hat, im ersten Jahr nach Erkrankungsbeginn kein Schub und innerhalb der ersten 5 Jahre maximal nur ein weiterer Schub aufgetreten ist.
Im Anfangsstadium der Erkrankung stehen oft rasche Ermüdbarkeit, Ungeschicklichkeit, Schwere und Spannungsgefühl. Bei fortschreitender Schädigung kommt es zu einer Steigerung der Muskeleigenreflexe und zu spastischen Lähmungen.

Auch Zeichen einer Kleinhirnschädigung sind bei der MS sehr häufig. Im Vordergrund stehen Störungen des Bewegungsablaufes und ein Intensionstremor der Extremitäten.
Je nach Lokalisation der Schädigung von sensiblen Bahnen kommt es bei etwa 42% der Patienten zu Mißempfindungen, wie Kribbeln, Taubheitsgefühle, falsch empfundenen Wärme/Kälteempfindungen, Schmerzempfinden bei Berührung.

Bei etwa 40% der Erkrankten mit schubförmigem Verlauf der MS geht sie später in ein Stadium mit kontinuierlich fortschreitender Zunahme der Symptomatik über – diese Verlaufsform bezeichnet man als sekundär chronisch progrediente MS. Je älter der Patient ist und je länger er an Multipler Sklerose leidet, machen sich bei dieser Verlaufsform Schmerzen besonders häufig bemerkbar.

Was bezeichnet man als primär progrediente MS?
5-20 % der Patienten zeigen eine primär chronische Verlaufsform, das bedeutet: nur gelegentliche Zeiten vorübergehender Besserung.
Es entwickelt sich bei dieser Verlaufsform über Jahre eine langsam zunehmende spastische Gangstörung. Blasenfunktionsstörungen, am häufigsten in Form der spastischen Blase treten im Verlauf der Erkrankung bei ca. 80% aller Erkrankten auf, Sexualstörungen sind sehr häufig und auch die Darmentleerung macht Probleme: bei 70% der Patienten kommt es zu Störungen im Sinn von Verstopfung oder Inkontinenz. 13% der Patienten neigen zu Doppelbildern.
Kognitive Ausfälle kommen bei bis zu 60% der MS Patienten vor und betreffen vor allem die Aufmerksamkeit, das konzeptuelle Denken, die visuell-räumliche Wahrnehmung und das Kurzzeitgedächtnis.

Immer wieder wird von namhaften MS Experten an Hand von klinischen Studien – das Abwägen einer langzeitlich geplanten Behandlung mit immunmodulatorischen Medikamenten – zum Zuwarten und Beobachten diskutiert. Es geht um den Einsatz von Medikamenten, die wirksam zur Frühtherapie der MS – eingesetzt werden können. Unter der Frühtherapie versteht man einen Behandlungsbeginn nach dem ersten Auftreten klinischer Symptome der Erkrankung.
Die Entscheidungsfindung über einen Therapiebeginn sofort nach erster MS Manifestation wäre sicherlich einfacher, wenn zu diesem Zeitpunkt schon klare Aussagen über den weiteren Verlauf der Erkrankung getroffen werden könnten. Leider existieren nach wie vor keine Marker, die verlässlich eine individuelle Prognoseeinschätzung erlauben.

Ich selbst beginne die homöopathische Therapie der MS immer nach klinischer Abklärung der Patienten, am liebsten in der Phase, die die Neurologen als „frühe Therapiephase“ bezeichnen, denn da warten sie meist mit dem Einsatz der Immunmodulatoren noch ab.

In der Anamnese finde ich öfter Hinweise auf ein schweres psychisches Trauma 1-2 Jahre vor Ausbruch der Krankheit, auch werden körperliche Traumata wie Unfälle, Verletzungen, Operationen als mögliche Ursachen angedacht. Das Auftreten von ersten MS Symptomen nach Impfungen wird immer wieder beobachtet.
Der ganzheitlich therapeutische, homöopathische Anspruch ist die Vermeidung weiterer Schübe, bzw. ein schnelles Zurückbilden der aufgetretenen Beschwerden, was nicht nur mit herkömmlicher Therapie, sondern auch mit homöopathischen Arzneien gelingen kann. Wie gehen wir vor?

Dr. Samuel Hahnemann, der Begründer der homöopathischen Heilmethode war ein Arzt, der den kranken Menschen in seiner Gesamtheit in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt hat. In seinem Buch, dem „Organon der Heilkunst“ gibt uns Hahnemann klare Anweisungen, wie wir die heilende Arznei für diesen einen Menschen in seiner Ganzheit finden sollen. Die Voraussetzung dazu ist eine genaue Anamnese.
Der Arzt als vorurteilsloser Beobachter nimmt Abweichungen vom gesunden Zustand des Kranken wahr, alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentieren die Krankheit.

Die Anamnese bei chronischen Krankheiten, wie auch bei der Multiplen Sklerose beachtet die genauen individuellen Erscheinungsformen der MS – zunächst wie bei einer akuten Krankheit. Aber dann beziehen wir Allgemeinsymptome wie Empfindlichkeiten (Kälte, Wärme, Wind…) Schlaf und Träume, Appetit mit Verlangen und Abneigungen, Durst, Stuhlgang, Wärme/Kälteempfinden in die Arzneifindung mit ein. Bei Frauen fragen wir nach der Menstruation, nach Schwangerschaften und Entbindungen.
Da es wichtig ist, die eventuelle auslösende Ursache in der Arzneifindung zu berücksichtigen, fragen wir behutsam danach: Ist etwas für Sie Einschneidendes passiert, hat sich Ihre Lebenssituation verändert?

Sollte der MS Patient bereits medikamentös eingestellt sein, fragen wir nach den individuellen Symptomen VOR Einsatz der Medikamente.
Zum Schluss ist das gesamte Gemütsbild des Patienten mit Stimmung, Charaktereigenschaften und sozialem Umfeld zu erheben – was ist das für ein Mensch? Wie ist dieser betroffene Mensch in seiner Krankheit und was ist anders als in gesunden Zeiten?

Ich überblicke in den letzten 14 Jahren etwa 35 Patienten; den meisten habe ich gut helfen können, sie sind beschwerdefrei. Ich begleite die Patienten über viele Jahre, höre gelegentlich von ihnen – entweder im Schub, was Gott sei Dank selten vorkommt – oder sie rufen an und berichten, dass es ihnen gut geht.