Homöopathie von Anfang an Teil I Homöopathie in der Schwangerschaft, unter der Geburt und in den ersten Lebenswochen des Kindes

Wirkungsweise der Homöopathie

Die Homöopathie ist in Österreich eine ärztliche Methode, eine Methode der Ganzheitsmedizin, eine Medizin für Körper, Seele und Geist. Sie erfasst den ganzen Menschen in seiner Individualität, wir finden ein einziges Mittel für die schwangere Frau und all ihre Beschwerden. Zusätzlich versuchen wir die Schwangere in ihrer Eigenart zu erfassen. Daraus wird deutlich: wir behandeln in der Homöopathie keine klinischen Diagnosen, sondern immer die individuellen Beschwerden des betroffenen Menschen. Die Arzneien entstammen dem Mineral-, dem Pflanzen- oder dem Tierreich.

Schon zu Beginn einer Schwangerschaft muss die Einnahme von Medikamenten für akute Erkrankungen kritisch hinterfragt werden, denn nicht alle Medikamente sind für das ungeborene Kind gut verträglich. Die Homöopathie vertraut auf das Heilungspotenzial des menschlichen Körpers und stellt so eine ideale komplementäre Heilungsstrategie zu den herkömmlichen Schmerz/ Grippemitteln dar. Viele schwangere Frauen machen in dieser Situation erstmals Erfahrungen mit der homöopathischen Heilmethode.

Homöopathie in der Schwangerschaft

Die Schwangerschaft wird von jeder Frau anders – nämlich individuell – erlebt, daher wird für die aufgetretenen Beschwerden die jeweils passendste Arznei verordnet.

Was ist die passende Arznei?

Die Arzneimittelprüfung am Gesunden und die Verordnung des Mittels nach dem Ähnlichkeitsgesetz sind die theoretischen Grundlagen des homöopathischen Behandlungsansatzes. Als Arzneimittelbild bezeichnen wir die Gesamtheit der Symptome, die das Mittel beim Gesunden hervorrufen und am Kranken heilen kann. Über die richtige Potenz (=Stärke) der Arznei sprechen Sie bitte mit einer HomöopathIn Ihres Vertrauens.

Wichtig ist die genaue Anamnese (Fallaufnahme), wir fragen zum Beispiel: zu welcher Tageszeit ist die Übelkeit am stärksten? Bessert oder verschlechtert sich die Übelkeit mit dem Essen? Sind Sie geruchempfindlich? Müssen Sie auch erbrechen? Sind Sie durstig – und wenn ja, was möchten Sie gern trinken – kalt oder warm? Welche Getränke bessern auch die Übelkeit?

Fünf Arzneimittelbilder in der Schwangerschaft

Eine Frau, die die Arznei Sepia (Tinte des Tintenfisches) braucht, wird eher schwer schwanger. Sie hat lange Zeit verhütet und dann Probleme mit dem Zyklus. In der Schwangerschaft ist ihr sehr lange sehr schlecht, das Ansehen, ja allein das Denken an Speisen macht Beschwerden. Beim Geruch gekochter Gerichte wird ihr schon wieder übel. Sepia erbricht länger als die obligaten ersten  Monate.

Sepiafrauen sind tüchtige, im Beruf ehrgeizige Frauen, die sich eine Schwangerschaft lange überlegen – es muss der Partner und die Kinderplanung von der Zeit her in Bezug auf den Beruf gut passen. Sie möchte entweder finanziell so gut abgesichert sein, dass sie eine Zeit lang in aller Ruhe beim Kind bleiben kann oder sie hat eine gute Betreuungsperson für das geplante Kind schon vor der Schwangerschaft gefunden.

Frauen, die Nux vomica (Brechnuß) für ihre Beschwerden brauchen, sind ehrgeizig, selbstbewusst, unabhängig. An schlechten Tagen sind sie reizbar, aufbrausend und streitsüchtig. Sie sind immer in Eile, die meisten Menschen sind ihnen zu langsam. Leistung ist etwas ganz wichtiges bei Nux vomica. Sie ist ordentlich, pünktlich und genau, erwartet das aber auch von ihrer Umgebung. Nux vomica ist schnell aufbrausend und jähzornig, unzufrieden, schnell beleidigt, grantig – besonders in der Früh.

In der Schwangerschaft ist Nux vomica ein wirksames Mittel für die morgendliche Übelkeit, meist verbunden mit erfolglosem Würgen. Extreme Überempfindlichkeit gegen Gerüche wie bei Sepia. Verstopfung,  Schlaflosigkeit in der Schwangerschaft durch nächtliche Wadenkrämpfe.

Auch bei Phosphorfrauen dauert es meist eine Weile, bis sie schwanger werden – die Regel spielt verrückt; in jedem Fall verlieren sie viel Blut, auch Blutungen während der Schwangerschaft sind möglich. Übelkeit und Erbrechen, Abneigung, Wasser zu trinken, Verstopfung während der Schwangerschaft. Starkes Herzklopfen bei jeder Bewegung, Schwindel und Ohnmachtsgefühl.

„Supermütter“ benötigen oftmals die Arznei Arsenicum album. Sie bringen die Interessen des Ehemannes, der Kinder, des Haushaltes und der eigenen Karriere unter einen Hut, ohne etwas zu vernachlässigen. Im Gespräch spüren wir jedoch ein tiefsitzendes Gefühl von Unsicherheit und Verwundbarkeit. Viele Ängste rund um Schwangerschaft und Geburt tauchen auf. Übergenauigkeit und Perfektionismus verstärken sich meist noch in der Schwangerschaft – bis zum Umfallen wird geputzt, geräumt, geordnet. Große Empfindlichkeit auf Geräusche und Gerüche, Schlaflosigkeit. Schwangerschaftserbrechen am Vormittag mit großer Erschöpfung.

Colchicum, die Herbstzeitlose, ist eine Arznei, die durch starke Übelkeit mit Schwindel beim Riechen, Ansehen oder Denken an Essen – vor allem Fisch und Eier – gekennzeichnet ist. Die Übelkeit ist schlechter bei der kleinsten Bewegung, Kollapstendenz. Viel Durst, aber Wasser schmeckt bitter. Reizbarkeit oder Niedergeschlagenheit in der Schwangerschaft.

Die Schwangerschaft aus dem Blickwinkel des Kindes

Unter den Bedingungen, die während der Schwangerschaft in der Gebärmutter herrschen, gibt es normalerweise keine Bedrohung für das Ungeborene von der Außenwelt. Die Gebärmutter ist steril und schützt das Kind vor Infektionen, sie stellt Nahrung und Wärme zur Verfügung und ist, vor allem in den ersten Monaten ausgesprochen bequem.

Bei Ultraschalluntersuchungen werden sehr häufig heftige Abwehrbewegungen des Babys beobachtet. Die Untersuchung ist den Kindern unangenehm; deshalb ist es ratsam, sie nur dann durchführen zu lassen, wenn es medizinisch unbedingt notwendig erscheint.

So die Schwangerschaft gesund und ohne Komplikationen verläuft, ähnelt der Zustand des Babys dem Paradies. Wenn die Wehen einsetzen, entsteht beim Kind das Gefühl, aus dem Paradies vertrieben/ausgetrieben zu werden. Die Geburtsreise beginnt, das Kind muss sich auf einen Prozess voller Herausforderungen einstellen.

Das Wesen der Geburt ist dem Wesen des neugeborenen Kindes ähnlich – die Geburt unserer ersten Tochter dauerte 10 Stunden. Wir waren schon 5 Tage über dem errechneten Geburtstermin und  ich hatte den Eindruck, sie wollte sich nicht wirklich von mir trennen.  Unsere zweite Tochter – sie kam eine Woche zu früh zur Welt –  und ich schafften die Geburt in nur vier Stunden; sie war der typische Nestflüchter, fuhr mit 7 Jahren für drei Wochen allein auf ein Sommerlager und verbot meinem Mann und mir, sie vor 14 Tagen zu besuchen.

Homöopathische Begleitung zur Geburt

Immer mehr schwangere Frauen suchen meine Hilfe kurz vor der Geburt; sie möchten auf diese neue Situation entsprechend vorbereitet sein und homöopathisch begleitet werden.

Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte haben ergeben, dass das Ungeborene einen Teil der Verantwortung für Schwangerschaft und Geburt übernimmt: es schüttet zum richtigen Zeitpunkt die benötigten Hormone aus, entscheidet über die Dauer der Schwangerschaft und bestimmt  Zeitpunkt und  Fortgang der Geburt. Mütter mit mehreren Kindern bestätigen die individuellen Unterschiede bei der Geburt; ich selbst habe in vielen Krankengeschichten Zusammenhänge von Schwangerschaft/Geburt und der gewählten Arznei für das Baby beobachtet.

Wenn es sich um die erste Geburt handelt, besprechen wir die Schwierigkeiten, die  auftauchen könnten und ich wähle mögliche Akutarzneien aus.

Handelt es sich bereits um die zweite oder dritte Schwangerschaft, so könnte es durchaus sein, dass die werdende Mutter wieder eine Wehenschwäche erleidet, es könnte sein, dass der Muttermund wieder nicht aufgeht.

Fünf Akutarzneien unter der Geburt

Während der Wehen sollte die Gebärende imstande sein, ihrem Körper zu vertrauen. In einem Gelsemium (Gelber Jasmin) Zustand aber hat sie eine solche Furcht davor, die Kontrolle zu verlieren, dass sie genau damit die größten Schwierigkeiten hat. Die Geburt ist einer Prüfung nicht unähnlich: Gelsemium ist auch ein bewährtes Mittel für Prüfungsangst, Lampenfieber mit dunkelrotem Gesicht bei großem Kältegefühl. Es laufen Kälteschauder den Rücken hinunter, Zittern, Zähneklappern. Gefühl eines Klumpens im Hals, Durstlosigkeit, Kopfschmerzen wie von einem festen Band um den Kopf.  Schwindel mit der Neigung, in Ohnmacht zu fallen. Benommenheit.

Die Geburt ist gekennzeichnet entweder durch heftige oder ungenügende Wehen, die Schmerzen in der Gebärmutter steigen den Rücken hinauf. Der Muttermund geht nur langsam auf.

Frauen, die Aconitum napellus, den blauen Eisenhut für ihre Beschwerden benötigen, sind ängstlich, traurig, brauchen Gesellschaft und Zuwendung. Sie sind sehr durstig, verlangen kaltes Wasser und frische Luft. Schreitet die Geburt fort, ist eine ängstliche Unruhe mit Todesangst zu bemerken.

Plötzliche intensive Bedrohung: das Kind, das sich durch die Enge des Geburtskanals gezwängt hat, kommt nicht selten mit weit offenen ängstlichen Augen und starrem Blick auf die Welt. Die Herztätigkeit ist verlangsamt – auch da hilft Aconit sehr rasch. Eltern berichten immer wieder voller Freude, wie schnell sich das unruhige, ängstliche Kind nach einer Gabe der Arznei entspannt hat.

 

Caulophyllum, Frauenwurzel ist eine wunderbare Arznei, wenn der Muttermund überhaupt nicht aufgehen mag. Schwache, unregelmäßige Wehen: manchmal stark und knapp nach einander, dann wieder ein langes Intervall zur nächsten Wehe. Die Wehen drücken in alle Richtungen außer in die richtige – nach unten. Reichliche Blutung nach der Geburt, heftige Nachwehen. Große Erschöpfung der Mutter.

 

Cimicifuga, Wanzenkraut, ist eine typische Frauenarznei schon vor der Schwangerschaft: sie heilt Menstruationsbeschwerden, neuralgische Schmerzen in den Eierstöcken, später zu frühen Wechsel.

Während der Schwangerschaft ist sie hilfreich bei Schwangerschaftsübelkeit, Migräne in der Schwangerschaft, manischen oder depressiven Phasen. Neigung zu Fehlgeburten.

Unter der Geburt macht sich ein straffer Muttermund mit reißenden Schmerzen bemerkbar, die Schmerzen erstrecken sich zu den Oberschenkeln und in den Bauch, Neigung sich zusammenzukrümmen. Ohnmachtsgefühl bei jeder Wehe, extremes Kältegefühl. Von der Stimmung ist eine Cimicifugafrau einerseits ängstlich wie Gelsemium, weinerlich, andererseits aber sehr lärmempfindlich und gereizt. Hört die Wehentätigkeit plötzlich auf, kann Cimicifuga sie wieder in Gang bringen.

 

Chamomilla, die Kamille wird schon in der Schwangerschaft eingesetzt, wenn infolge von Ärger und Streit  eine Fehlgeburt droht. Die Schwangere hat wehenartige Schmerzen, die sich nach oben ausbreiten, sie reagiert überempfindlich auf die Schmerzen.

Auch während der Geburt ist die Kreisende schmerzüberempfindlich, die Wehen lösen Unruhe und Angst aus. Sie ist ärgerlich, gereizt, schickt alle weg, kurz darauf ruft sie um Hilfe. Großer Durst, Verlangen nach frischer Luft, Harnabgang bei jeder Wehe.

 

Homöopathie in der Neugeborenenperiode

Als Neugeborenenperiode  beschreiben wir die Zeit von der Geburt bis zur Umstellung des kindlichen Organismus auf die neue Umgebung. Normalerweise braucht das Baby dazu etwa vier Wochen.

Homöopathische Ärztinnen und Ärzte behandeln in ihren Praxen Säuglinge von Anfang an – Refluxbeschwerden, Schreibabys, Schlafstörungen, Infekte der oberen und unteren Atemwege mit und ohne Fieber, Durchfall, Verstopfung, Nabelkoliken, Neurodermitis……..um nur einige Indikationen zu nennen. Für alle diese Beschwerden suchen wir die individuelle Arznei – das heißt, wir finden für die Krankheit, bzw. für das Kind mit seiner Krankheit ein homöopathisches Mittel. Wir vergleichen die augenblicklichen Beschwerden mit dem gesunden Zustand und fragen nach Veränderungen.

Sehr hilfreich für die Arzneifindung bei Säuglingen ist die Schilderung von Schwangerschaft und Geburt. Wir versuchen herauszufinden, ob sich im Geburtsprozess eine schwierige oder für Mutter und Kind belastende Situation ergeben hat. Das Kind ist in der Schwangerschaft wie unter der Geburt an die Gefühle seiner Mutter gebunden. Hatte die Mutter Todesangst, wird auch das Kind Todesangst haben – siehe Beschreibung der Arznei Aconit! War die Mutter überempfindlich auf die Schmerzen – Chamomilla – ist dieser Schmerz auch für das Kind fühlbar.

Die Eltern sollten die Beschwerden des Kindes ganz genau beschreiben können, wobei im Säuglingsalter natürlich die Schmerzqualität noch nicht angegeben werden kann – Beobachtung ist angesagt: bei einem Säuglingshusten frage ich, ob das Kind beim Husten das Gesicht verzieht oder weint – was bedeutet, dass es Schmerzen hat beim Husten –  und erhalte mittels dieser Angaben einen wichtigen Hinweis auf das Mittel. Im besten Fall hustet das Kind in der Praxis! Weiters wichtig: zu welcher Zeit hustet es am meisten, was bessert/verschlechtert den Husten? Wie ist die Stimmung im Infekt – will es getröstet, herumgetragen werden oder ist es grantig und will seine Ruhe haben?

Ein Beispiel: heftige Ischiasschmerzen der Mutter während der Schwangerschaft wiesen in Schmerzcharakter und den Modalitäten auf die Arznei hin, die ich dem Säugling für seinen Husten verordnen wollte; das bestätigte meine Analyse.

Zu achten ist auf die Beschreibung der Art/ Zeit des Auftretens, der Umstände der Beschwerden – aber am allerwichtigsten sind unsere eigenen Beobachtungen des Säuglings, sowie die Beobachtung der Interaktion des Kindes mit den Eltern.

Nach Beschreibung der Beschwerden ist die Überlegung zur möglichen Ursache des Auftretens sehr wichtig: gibt es Geschwister, die die Erkältung aus dem Kindergarten mitgebracht haben, sind die auch krank – wie? Oder war das Kleine unbedachterweise gestern kaltem Wind ausgesetzt – und heute hat es Ohrenschmerzen? Wie kommt ein Säugling von zwei Monaten zu einem Hautausschlag am Hals – weil er seit einer Woche im Kinderzimmer schläft und sich sichtlich allein und im Finstern fürchtet….

Sicher die Hälfte meiner Patienten sind Kinder. Es macht viel Freude, sie zu behandeln, denn die Lebenskraft von Kindern ist fast immer so stark, dass Besserung oder Heilung schneller vonstatten geht als bei Erwachsenen. Da ich jetzt über 25 Jahre in der homöopathischen Praxis tätig bin, kenne ich bereits 2-3 Generationen einer Familie. Die Kinder von seinerzeit sind jetzt junge Leute, sie kommen mit ihrem Partner, später mit Baby in die Praxis und sagen zu mir ganz verwundert: „Stellen Sie sich vor – es gibt immer noch Leute, wie mein Partner, die von der Homöopathie keine Ahnung haben!“

Praxis Magazin Dr. Gloria Kozel

Literaturangaben:

Chamberlain D. „Woran Babys sich erinnern – Die Anfänge unseres Bewusstseins im Mutterleib“ Kösel

Harry van der Zee „Die Geburt – eine Reise durch die Miasmen“ Sonntag Verlag

Harry van der Zee „Homöopathie und Geburtstrauma“ Homeolinks Publishers

Catherine Coulter „Portraits homöopathischer Arzneimittel 1“ Haug Verlag

Teut et al. „Kursbuch Homöopathie“ Urban & Fischer Verlag

M.Jus „Praktische Materia Medica“ Homöosana Verlag